"Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie." (Evangelium nach Markus 4,26f.)
Jesus rechnet mit dem Unberechenbaren. Jesus rechnet mit einer Macht, die sich der Mensch nicht unterwerfen kann. So kann seine Rede von der selbstwachsenden Saat gedeutet werden. Das kann befreien und heilen: von Überheblichkeit und Machtwahn. Das kann motivieren: Du stehst nicht allein auf weiter Flur! Das kann zu ehrlicher Selbstkritik bewegen und den Blick über den eigenen Tellerrand ermöglichen.
Auch wenn es vielleicht an vielen Stellen unserer Stadt nicht so aussieht: Hier wächst was! Das Reich Gottes wird da lebendig, wo Menschen einander mit Liebe begegnen. Der Same wird da ausgeworfen, wo wir anfangen der Kultur der schlechten Nachrichten eine gute - die gute - Nachricht entgegenzusetzen: You're not alone! Du bist nicht allein.
Die Marienkirche in der Innenstadt von Weißenfels.
Jesus Christus
spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
2.
Brief an die Korinther 12,9, die Jahreslosung für das Jahr 2012
Kennen Sie das Lied: „Ins Wasser fällt ein Stein?“ Es ist ein Lied in drei
Strophen, das ich erst mit Mitte Zwanzig kennen gelernt habe. Eines dieser
neuen (und doch schon wieder relativ alten) christlichen Lieder. Mir gefällt
es, weil es mit schönen Bildern das Wesen des Evangeliums umschreibt:
„Ins Wasser fällt ein Stein ganz heimlich, still und leise;
und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise. Wo Gottes große Liebe in
einen Menschen fällt, da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in unsere Welt.“
Zu sehen, wie nur eine kleine Berührung auf der Wasseroberfläche ziemlich große
Kreise zieht: das gehört zu den Wundern für den es einen besonderen Blick
braucht. Eben ein Blick auf das Kleine, Unscheinbare. Wer genau hinschaut, wird sehen, was aus kleinen
und unscheinbaren Anfängen entstehen kann.
Gott hat damals einen für alle Welt kleinen und
unscheinbaren Anfang gemacht. Nur wenige waren es, die dies gewusst und erkannt
haben, denen es auf besondere Weise offenbart geworden ist: Wissenschaftler aus
fernen Landen, Hirtinnen und Hirten des Feldes und die Eltern des Säuglings:
Maria und Joseph. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ So spricht Jesus
als Erwachsener. Und er führt damit gewissermaßen die Tradition Gottes fort.
Gott offenbart sich zu Weihnachten im Schwachen. Oder gibt es etwas Hilfloseres
als einen Säugling?
Die Botschaft von diesem kleinen Kind in der Krippe hat
Kreise gezogen, weil dieses Kind als Erwachsener den Menschen Mut gemacht hat.
Ganz normalen Menschen, wie Petrus dem Fischer. Aber auch denen, die nicht so
angesehen waren in der damaligen Gesellschaft wie Zachäus, dem Zöllner. Für Unzählbare
war und ist der Zuspruch von Kraft zum Segen geworden. Weite Kreise zieht die
Botschaft und überspringt dabei die Grenzen von Ländern und Kontinenten;
überdauert die Veränderung der Zeiten.
Die zweite Strophe des Liedes: "Ein Funke, kaum zu sehn, entfacht
doch helle Flammen; und die im Dunkeln stehn, die ruft der Schein zusammen. Wo
Gottes große Liebe in einem Menschen brennt, da wird die Welt vom Licht
erhellt, da bleibt nichts, was uns trennt."
Die Botschaft Jesu zieht weite Kreise, entfacht helle
Flammen. Egal, ob ich es will oder nicht. Gott ist am Werk. Und nicht da, wo
ich ihn zuerst vermute, denn „meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“.
Überrascht sag ich Amen.
M. Schmelzer, Pfr. i.E.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das
Böse mit Gutem.
(Paulus Brief an die Römer 12,21)
Andacht zur Jahreslosung 2011 (geschrieben Ende November 2010)
Ist dieser Satz eine Aufforderung oder eine Bitte? Es ist
zunächst ein Satz aus dem Römerbrief des Paulus, der als eine Summe der
theologischen Aussagen den Paulus angesehen wird. Paulus beschreibt das Leben
in der Gemeinde, vom Teilen, nicht
vorrangig der materiellen Dinge, sondern der seelischen Gefühle: Lachen und
Weinen, Freude in der Hoffnung, Geduld in schwierigen Zeiten, Beständigkeit im Gebet.
Zum andern ist uns dieser Satz auch als Jahreslosung für das
kommende Jahr aufgegeben. Was wird dieses Jahr mit sich bringen? Was wird böse
sein im neuen Jahr und was dunkel? Es wird da sein: das Dunkel und auch das
Böse. Nicht nur in Form schlechter Nachrichten, sondern auch direkt vor unserer
Haustür, als NPD-Aufmarsch, als Nachrichten über Kinderarmut oder über
ökologische Sauereien.
Diese Nachrichten über das Dunkle – sie sind ja auch
jetzt nicht weg.
Die Frage ist, wie wir ihnen begegnen. Paulus sagt es und
Jesus lebt es: Lass dich nicht überwinden, sondern überwinde das Böse mit
Gutem. Übersetzung? Wiederhole nicht einfach das, was an schlechten Nachrichten
durch die Lautsprecher oder den Flimmerkasten kommt! Höre aber hin, denn es
betrifft auch Dich. Und dann? Suche nach Lösungen, habe Vertrauen und Mut, ja
Mut! Mut braucht es, das Böse mit Gutem zu überwinden. Mut braucht es, Dinge
die sich eingeschliffen haben, infrage zu stellen; Wirklichkeiten zu
reformieren. Das allerdings ist unsere Aufgabe als Christen in dieser
Gesellschaft, zu dieser Zeit und an den Orten, an die wir gestellt sind.
Dass wir dabei aber nicht allein sind, darauf dürfen wir
vertrauen, denn Gott ist in die Welt gekommen. Wie haben wir uns das
vorzustellen? Komische Frage. Natürlich zu Weihnachten. Deshalb feiern wir doch
Weihnachten!
Nun, ich stelle mir vor, dass Gott sich diese Welt
angeschaut hat. Das Treiben der Menschen auf ihr, das „Dichten und Trachten“,
von dem es im Psalm heißt, dass es böse sei von Jugend an. Gott hat vieles
probiert, mit der Bosheit der Menschen umzugehen, ohne sie zu zerstören. Er
sandte eine Sintflut, danach Retter und Propheten wie Mose und Jesaja. Das
alles hat geholfen. Davon geben die biblischen Zeugnisse im Alten Testament
Auskunft. Und doch, das Böse ließ sich immer nur partiell überwinden.
Am Ende, in der Mitte, am Anfang der Zeit dann: Gott schickt
seinen Sohn in die Welt. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir
erkannten seine Herrlichkeit als eine Herrlichkeit vom Vater.“ Jesus Christus,
der Lehrer und Rabbi, der Erlöser und immer noch Hoffnung für unsere Erde. Er
kommt zur Welt. Und wie? Nicht als Heerführer, nicht als großer Redner, nicht
als Präsident oder Kanzler, der vieles von dem, was er vor der Wahl verspricht,
nicht halten kann.
Nein. Jesus kommt als Kind, als Säugling in diese Welt.
So
kommt Gott. Damit rechnet das Böse (der Böse) nicht. Gott überwindet so, dass
er alle Waffen aus der Hand legt und sich ganz und gar unterwirft. Gerade darin
zeigt sich seine Größe. So sollen auch wir überwinden. Wir sind dabei nicht
allein. Wir können auf den verweisen, der uns auch schon überwunden hat: mit
seiner Güte, mit seinem Kommen in diese Welt, in den Stall. Erzählen wir davon,
nicht nur,wenn es uns an den Kragen geht.